Reisebericht

Motivation und Vorbereitung

Die Frage die ich auf dem Trail am öftesten beantworten musste, war was mich dazu bringt durch Israel zu wandern. Nachdem ich wusste wie die Klausuren liegen, war klar, dass ich einen Monat Zeit hätte. Und diesen wollte ich für ein größeres Projekt nutzen, ich wollte eine längere Strecke wandern. Zum einen reizte einerseits die sportliche Herausforderung an einer langen Tour. Viel mehr aber noch wollte ich wissen wie es ist einen Monat alleine unterwegs zu sein – niemandem verpflichtet und sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Im Reisezeitrum Februar – März sind die meisten Regionen in Europa allerdings ziemlich kalt, weshalb in meine engere Auswahl der Lykische Weg, ein Abschnitt des E4 und eben der Israel National Trail geriet. Letztendlich hat mich der INT mit seinen 400 Kilometern durch die Wüste am meisten überzeugt und nachdem ich ausführlich im Internet recherchiert hatte, habe ich dann meinen Flug während des kurzen Gaza-Kriegs im November zu einem sehr attraktiven Preis gebucht. Die größte Ungewissheit war für mich die Wasserversorgung, da es auf dem INT üblich ist sich für etliche hundert Dollar einen caching-trip zu leisten und Wasser an den Nachtlagern in der Wüste zu vergraben. Mir war das einerseits zu teuer und andererseits fand ich es vom Stil nicht ansprechend. Wenn man alle Herausforderungen im Vornherein eliminiert, wo bleibt dann der Spaß? Als Ausrüstung hatte ich nur das Nötigste dabei, da der Rucksack mit dem vielen Wasser eh schwer genug werden würde. Um mich etwas in Form zu bringen fing ich 4 Wochen vor Start an ca. 30km pro Wochenende im verschneiten deutschen Wald zu verbringen.

Die Tour

2 Tage vor dem Start: Jerusalem

Nachdem ich im Flughafen von Tel Aviv gelandet war und eine erstaunlich unkomplizierte Einreise hinter mich gebracht hatte, fuhr ich mit dem Sherut (einem Sammeltaxi) nach Jerusalem. Da sich mein Hostel in der Altstadt befand, musste ich noch 500 Meter durch die ausgestorbenen Strassen der heiligen Stadt gehen, bis ich endlich gegen 2 Uhr Nachts im Hostel war.  Am nächsten Tag schaute ich mir dann einige Sehenswürdigkeiten an, da ich am folgenden Tag morgens nach Eilat (dem Startpunkt des Israel National Trails) fahren wollte.
Klagemauer und Felsendom
Klagemauer und Felsendom

1 Tag vor dem Start: Eilat

Als ich dann Sonntags am Schalter war, wurde ich nur von einer Warteschlange in die nächste weitergereicht, bis mir endlich jemand sagte, dass ich die Online-Buchung an einem Automaten einlösen muss. Dort offenbarte sich dann allerdings das naechste Problem, da man die Passnummer eingeben musste. Der Israeli der die Buchung für mich ausgeführt hatte, hatte einfach irgendwas eingegeben, sodass ich nun ein wirkliches Problem hatte. Auf wundersame Weise stand dann aber plötzlich jemand mit einer Liste aller Fahrgäste und Buchungsinformationen neben mir, wodurch die Situation dann mit Händen und Füssen gelöst wurde. Ich war froh mit dem Bus endlich in den Sueden zu kommen, da es in Jerusalem ziemlich kalt war und ich kaum warme Sachen dabei hatte.
In Eilat am roten Meer checkte ich dann in das „Shelter Hostel“ ein, wo ich erfuhr, dass Wanderer auf dem INT die erste Nacht umsonst bekamen. Als ich mich dann auf die Suche nach einer Gaskartusche machte, luden mich die Besitzer des Hostels (John und Judy) zu sich nach Hause ein und schenkten mir eine neue Schraubkartusche, die übrig war. Recht viel besser kann man es glaube ich nicht treffen! Die beiden hatten den Trail schon begangen und so bekam ich noch ein paar Ratschläge während wir einen Tee tranken.

Tag 1: Eilat – Shehoret Nightcamp (23km)

Montag morgens, 5:30, Wecker läutet. Selten bin ich Montag morgens in aller Herrgotsfrüh so gerne aufegstanden. Ich hatte mich am letzten Abend noch spontan 4 israelischen Mädels angeschlossen, da die wussten wo der Bus zum Trailstart abfährt. Als ich dann an der Bushaltestelle war, war die Überraschung recht gross: Ein ganzer Bus war voll mit Wanderern, auf dem Weg zum INT. Auf der Busfahrt erfuhr ich dann, dass es eine organisierte Wandergruppe war, deren Gepäck und Wasser mit Autos zu den Nachtlagern gefahren wurde. Das ganze wurde von einer Familie organisiert, die das in Gedenken an ihren Sohn tat, der bei dem Helikopterunfall 1997 ums Leben gekommen war.
Schnell verabschiedete ich mich von der 4 Maedels und nachdem meine neongelbe Z-Lite ein paarmal bestaunt wurde, machte ich mich auf den Weg um die Gruppe hinter mir zu lassen. Nach kurzer Zeit war ich schon weit über dem roten Meer und hatte einen fantastischen Ausblick. Um 7 Uhr morgens war ich gestartet und ab 10 begann es heiss zu werden. Der Weg war zumeist sehr steil und teilweise musste man kurze Passagen klettern (wie zum Beispiel im zweiten Bild unten zu sehen).Gegen 13:00 erreichte ich das Yehoram nightcamp. Allerdings war es noch früh am Tag, ich hatte noch Energie und die Rucksäcke einer organisierten Gruppe lagen bereits dort. Also machte ich mich zum 10km entfernten Nachtlager im Shehoret (sprich: Schchoret) Canyon auf. Der Weg war abermals recht schwierig und mit etlichen Kletterpassagen gespickt, sodass ich eine halbe Stunde vor Dämmerung eintraf. Aus der Ferne sah ich schon die 3 Busse, also nix mit Wüstenromantik und so. Ich schlug mein Lager etwas abseits auf und gesellte mich dann etwas zu den Leuten. Es waren mehrere israelische Schulklassen, wobei mich jeder einzelne mit den selben oberflächlichen Fragen bombardierte. Aber ich war ja noch nicht lange ein Reisender, sodass mein Smalltalktank noch gut gefüllt war. Das Gute an der Anwesenheit der Gruppe war, dass ich zwei Portionen Reis mit Fleisch umsonst bekam. Der Nachteil war, dass man den Generator zur Stromerzeugung auch in hundert Meter Ferne noch hörte. Allerdings war ich wegen der langen Wanderung ziemlich müde, sodass ich bald einschlief.
Blick zurück auf die Eilat Mountains und das rote Meer
Blick zurück auf die Eilat Mountains und das rote Meer
3m Kletterstelle in einem Wadi
3m Kletterstelle in einem Wadi
Kein Durchgang - zum Glück kam ich von der anderen Seite
Kein Durchgang – zum Glück kann ich kein hebräisch.
Stay in low gear? Oder doch lieber einen Zahn zulegen?
Stay in low gear? Oder doch lieber einen Zahn zulegen?
Shehoret Mountains im Vordergrund, das Grenzgebirge zu Jordanien im Hintergrund
Shehoret Mountains im Vordergrund, das Grenzgebirge zu Jordanien im Hintergrund

Tag 2: Shehoret Canyon – Ma’ale Milhan NC (27km)

Am nächsten Morgen wachte ich in der Dämmerung auf, weil mir an den Beinen kalt war. Die Nacht war kalt und ziemlich windig gewesen und ich hatte keinen Windschutz aufgestellt. Im Schlafsack machte ich Tee und Haferflocken und zog dann kurz nach Sonnenaufgang los. Gegen Mitte des Tages erreichte ich den Timna Park, wo ich an einem Besucherzentrum acht Liter Wasser fuer die nächsten beiden Tage auffüllte. Nach einer kurzen Rast ging ich weiter und holte bald eine Gruppe aus sechs Wanderern ein. Eine halbe Stunde später löste sich die Gruppe auf und ich ging mit Amnon und Dadusch weiter, die im selben Nachtlager wie ich schlafen würden. Die beiden hatten gerade ihren 3-jährigen Wehrdienst beendet und waren auch auf dem INT unterwegs.
Wie es der Zufall wollte trafen wir bald Jacob „Yankale“ Saar, den Autor des einzig englischen Guides für den INT. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihm, unter anderem auch darüber, dass er das Thema Wasser so einseitig behandelte. Bei meinen Recherchen zum Trail schien es, als ob es unmöglich wäre die Wüste zu durchqueren, ohne worher Wasserverstecke anzulegen. Er meinte, dass er eh vorgehabt hatte das Thema Wasser in der nächsten Edition neu aufzurollen. Mal sehen was daraus wird.
Da der Tag wieder sehr lang war, kamen wir erst in der Dunkelheit in die Nähe des Nachtlagers und fanden es dehalb nicht. Also gingen wir etwas abseits des Weges und kochten unser Abendessen. Danach machten die beiden noch „Kaffe im Hel“, türkischen Kaffee mit Kardamom, der wahnsinnig lecker ist!
Ein kleiner Ibex
Ein kleiner Ibex
Baum in einem Wadi
Baum in einem Wadi
int10-landscape2


Tag 3: Ma’ale Milhan NC – Shaharut (27km)

Der nächste Tag war ein ewiges Auf und Ab und zwischendurch stiessen wir auf einen Riesenhaufen Ammoniten – das Paradies für einen Geologen! Die Temperaturen wurden ziemlich unerträglich und auch die Sonne knallte von oben, sodass ich mich zum Sonnenschutz vermummte. Als wir abends ziemlich fertig am eigentlichen Nightcamp (in einer Siedlung) ankamen mussten wir feststellen, dass es gesperrt war. Dafür standen auf einem Schild einige Nummern von Trailangels, bei denen Amnon anrief, sodass wir dann bei einer netten Frau im Hinterhof übernachteten. Sie erzählte, dass das Camp gesperrt sei, weil Wanderer angefangen hatten Sachen aus dem Dorf zu klauen.
Dadusch & Amnon
Dadusch & Amnon
Ein großer Ammonit
Ein großer Ammonit

Ein Paradies für einen Geologen

Tag 4: Shaharut – Kibbutz Neot Smodar (22km)

Am nächsten Morgen trennten sich unsere Wege, da die beiden mit dem Bus zum Kibbutz „Neot Smodar“ fahren wollten, ich hingegen würde die Strecke gehen. Wir machten aus, uns dort wieder zu treffen. Nach einigen ziemlich eriegnislosen Kilometern entlang einer Strasse und einem kurzen Abstecher zu einer Sanddüne, traf ich nach einem Telefongespräch am frühen Nachmittag in Neot Smodar ein – gerade noch rechtzeitig zum Mittagessen.
Nach dem Mittagessen half ich für zwei Stunden beim Verpacken von Rosinen und Dattel-Erdnussbutter mit. Am Ende der Schicht bekam ich dann noch 1,5kg Bio-Datteln geschenkt.  Was für ein Glück, dass ich, was die Arbeit betraf, genau beim Essen gelandet war. Ich hatte zwar noch ein paar Haferflocken und etwas Couscous, aber das Mittagessen war mir ausgegangen. Eine interessante Erfahrung in diesem Kibbutz war, dass während dem Essen nicht gesprochen wurde. Der Hintergrund dafür ist die Philosophie des Kibbutz: Ein Ichbewusstsein zu entwickeln.
Da sich der Feiertag Purim näherte, wurden überall im Kibbutz kleine Theaterstücke einstudiert. Eine sehr lebendige Erfahrung, auch wenn ich nichts verstanden habe, da sich mein Hebräisch auf ein paar Brocken beschränkt.
Nachdem ich aus Israel wieder zurück war, hab ich über die Gepflogenheiten in diesem Kibbutz diskutiert und an einem Punkt stolperte ich über folgende Aussage: „Jetzt weisst du vielleicht auch wie es sich in einer Sekte anfühlt“. Dieser Satz hat mir seitdem zu denken gegeben, am meisten wahrscheinlich, weil es mir selbst nicht aufgefallen ist. Wenn ich im Nachhinein aber darüber nachdenke, so stelle ich fest, dass der Satz wohl stimmt. Obwohl ich mich immer noch damit schwer tue es an objektiven Dingen festzumachen. Es ist vielmehr ein Gefühl.
Spuren von isralischen Militärübungen bei der Kasui Düne
Spuren von isralischen Militärübungen bei der Kasui Düne
Und es gibt doch grün in der Wüste
Und es gibt doch grün in der Wüste

Tag 5: Kibbutz Neot Smodar – Nahal Paran NC (32km)

Um 5:45 nahm ich noch an der Morgenmeditation teil und machte mich danach auf den Weg – weitere 27 fast ereignislose Kilometer entlang der Hauptstrasse. Um 11 Uhr erreichte ich Shitim, eine Art Khan (Zeltsiedlung). Ich wollte dort eigentlich nur Wasser auffüllen, stellte aber fest, dass dort ein Trance Festival in Gange war. Ich machte meine Mittagspause vor der „Freedom Stage“, einer offenen Bühne, auf der zuerst ein Gitarrenduo und dann ein Hang-Mann in angenehmer Lautstärke auftraten. Gegen Mittag waren endlich mal genug Wolken am Himmel um Schatten zu spenden, so dass das Wandern deutlich angenehmer wurde. Die letzten 5 Kilometer des Tages verliefen dann wieder durch ein Wadi.
Abends konnte ich aus den Überresten vom Holz anderer Wanderer ein Feuer machen und hatte somit auch die Möglichkeit die Linsen zu kochen, die mir Amnon und Dadusch noch mit auf den Weg gegeben hatten.
Das schwarze Gelände ist Feuerstein, das beige Kalk
Das schwarze Gelände ist Feuerstein, das beige Kalk
Topf über dem Feuer, bald gibts CousCous!
Topf über dem Feuer, bald gibts CousCous!

Tag 6: Nahal Paran NC – Barak NC (23km)

Morgens nach dem Aufwachen war ich echt fertig, vermutlich eine Folge des langen Tages gestern und der langen Zeit, die ich insgesant schon unterwegs war. Die Luft war selstsam trüb, was sich den ganzen Tag nicht ändern sollte. Anfangs dachte ich an Nebel, doch von Luftfeuchtigkeit war nichts zu spüren. Der heutige Tag sollte laut Führer durch zwei Canyons führen, beide teilweise mit sehr kaltem Wasser gefüllt, das man durschwimmen müsste. Da es noch früh morgens und dementsprechend kalt war, umging ich den ersten Canyon. Im zweiten war dann erstaunlicherweise überhaupt kein Wasser, was sehr ungewöhnlich ist, wie mir die Israelis erzählten, die dort unterwegs waren.Ich traf an diesem Tag viele Tagesausflügler, da es Samstag war und der Barak Canyon ein beliebtes Naherholungsziel ist. Als ich aus dem Canyon herauskam, traf ich ziemlich bald auf eine Gruppe, die mit dem Auto angereist war und fragte nach Wasser, woraufhin ich auch noch zum Picknick eingeladen wurde. Ein Schnitzel und etliche Pitas mit frischem Gemüse später machte ich mich wieder auf den Weg und als ich am NC ankam, traf ich auf 3 Väter mit ihren Kindern. Was danach folgte kann man nur noch als Fressorgie für ausgehungerte Wanderer bezeichnen. Die drei hatten viel zu viel Essen mitgenommen und ich hatte viel zu viel Hunger. Das passte! Nachdem ich ungefähr 500g gegrilltes Fleisch in allen Grillvariationen zu mir genommen hatte und auch die Nachspeise, Teigtaschen mit Marzipan, Datteln und Halva verpeist hatte, gab es eine zwei-stündige Pause, bevor der Eintopf aus Wurzelgemüse mit Rauchfleisch serviert wurde. Zwischendurch passte auch noch ein Kaffe im Hel rein. Auf Nachfragen erfuhr ich, dass die Trübe des heutigen Tages wohl durch aufgewirbelten Staub verursacht wurde. Die drei waren echt super und ich tauschte noch mit Amir E-Mail Adressen aus. Falls ich zur Zeit des Tel-Aviv Marathons ins Tel-Aviv sein sollte, wollten wir uns dort treffen.
Trüber Himmel
Trüber Himmel
Blick in den Barak Canyon
Blick in den Barak Canyon
Leiter im Barak Canyon
Leiter im Barak Canyon

Tag 7: Barak NC – Zofar (24km)

Morgens gings wie immer früh los, um die Mittagshitze zu vermeiden. Gegen Ende des Tages kam ich dann an Moa, einer alten Nebatäer-Festung vorbei. Die Nebatäer hatten alle 30km (eine Tagesetappe einer Karawane) eine Siedlung gebaut und somit die Handelsroute in ihrer Hand. Um Moa rankt sich die Legende, dass dort wegen der etwas höheren Luftfeuchtigkeit sehr profitabel mit Gewürzen gehandelt wurde.
Kurz vor Zofar hatte ich dann endlich wieder Handyempfang und rief bei einem Trailangel an um zu fragen, ob ich eine Nacht bei ihm schlafen könnte. Ich musste nach Zofar um endlich neues Essen zu kaufen und für das nächste Nightcamp hätte ich wieder 3km zurück laufen müssen. Ich landete schliesslich bei Elijahu, der mich bei sich auf den Hof in einem Karawanenzelt schlafen liess. Viel Schlaf war da aber nicht zu holen, da die Tiere, die er auf dem Hof hatte die ganze Nacht hindurch lärmten.

Tag 8: Zofar – Gev Holit NC (26km)

Um 11 Uhr mittags sah ich viele Menschen vor mir einen Berg aufsteigen und als ich zu ihnen aufgeschlossen hatte, stellte ich fest, dass es die Gruppe war, die mit mir am Montag in Eilat gestartet war. Sie hatten allerdings einige Abschnitte übersprungen. Da ich nicht mit ihnen wandern wollte, setzte ich mich nach dem Gipfel in den Schatten und machte eineinhalb Stunden Pause, nur um sie nach ein viertelstündigen Wanderung wieder einzuholen. Von da an sassen sie mir im Nacken, was den Tag irgendwie etwas stressig machte. Abends bekam ich dafür wieder ein Essen umsonst und auch die Gepräche waren um einiges angenehmer und interessanter als die mit den Schulkindern. Am Abend fragten mich noch zwei junge israelische Frauen, ob sie die nächste Etappe mit mir gehen könnten, da sie keine Lust auf die grosse, träge Gruppe hatten. Da die nächste Etappe einfach werden würde, willigte ich ein.
Blick auf Nahal Nequarot
Blick auf Nahal Nequarot

Tag 9:   Gev Holit NC – Saharonim NC (Nahal Gmalim NC) (21km)

Morgens kurz vor dem Aufbruch tauchte auf einmal völlig überraschend Amnon auf. Er hatte die Strecke von Neot Smodar bis kurz vor Ende meines 5. Tages mit dem Bus bewältigt und war dann zwei Abschnitte an einem Tag gegangen. Wir hatten uns im Kibbutz Neot Smodar voneinander verabschiedet weil Dadusch Probleme mit seinen Füssen hatte und Amnon ihn nicht alleine lassen wollte. Ich hatte eigentlich nicht gedacht ihn wiederzusehen. Wir gingen zeitig los und sahen die Gruppe den ganzen Tag nicht. 5km vor Ende der Tagesetappe nahmen die beiden israelischen Frauen eine andere Abzweigung, da sie die Rucksäcke von der Gruppe transportieren hatten lassen.
Im Saharonim NC trafen wir dann wieder auf Schulklassen, nur dass es diesmal kein Essen für uns gab.
Kartenlesen
Kartenlesen
Interessante Falte
Interessante Falte
Kalkwände eines Canyons
Kalkwände eines Canyons

Tag 10: Saharonim NC – Mitzpe Ramon (18km)

Morgens ging’s wie immer früh los und gegen 10:30 erreichten wir den Gipfel des Ramon Tooth, wo man ein 360 Grad Panorama auf den Makhtesch Ramon hatte. Ein Makhtesch ist eine Art Krater, der durch Erosion geschaffen wurde. Das Gestein der Wände des Kraters (Kalkstein) ist stabiler als das Gestein im Inneren (Sandstein), das demzufolge schneller abgetragen wurde. Als wir in Mitzpe Ramon ankamen, hiess es Abschied nehmen von Amnon, der zurück nach Hause musste, da er bald nach Europa fliegt. Ich wäre gerne noch weiter mit ihm gewandert.
Heringbone crossbedding, eine Sedimenttextur, die anzeigt, dass der Sandstein in einem von Wellen beeinflussten Milieu abgelagert wurde.
Heringbone cross-stratification, eine Sedimenttextur, die anzeigt, dass der Sandstein in einem von Wellen beeinflussten Milieu abgelagert wurde.

Tag 11: Ruhetag in Mitzpe Ramon

Nach 10 Tagen auf dem Trail war ich froh endlich einen Ruhetag einlegen zu können. Nachdem ich eingecheckt war setzte ich mich auf die Couch im „Wohnzimmer“ des Hostels und genoss es teetrinkend nichts zu tun. So sehr, dass mich der Hostelbesitzer ansprach und meinte ich könnte mich ruhig frei bewegen und mich wie zuhause fühlen. Tat ich ja!

Tag 12: Mitzpe Ramon – Oil tunnels NC (31km)

Die ersten 12km des Tages waren entlang des Kraterrandes und abgesehen von einer Untersuchung meiner Kamera (ich hatte Fotos vom Krater in der Nähe einer „geheimen Station“ gemacht), auch recht ereignislos. Danach ging’s in den Hava Canyon und zwar abwärts. Normalerweise sind die Canyons einigermassen gut zu begehen, aber dieser war voll von teils mannshohen rundgeschliffenen Felsblöcken. Mit den frisch zugeladenen 8L Wasser machte das Abklettern nicht wirklich Spass. Nach dem Canyon liess ich das Hava NC hinter mir, das wohl eines der schlechtesten auf dem ganzen Trail sein soll, wie man mir sagte. Ich ging weiter bis zu den leerstehenden Öltunneln, in denen man schlafen kann. Der erste Tunnel roch nach…wer hätte das gedacht…Öl. Generell war das Nachtlager dort wegen Steinschlag geschlossen worden und deshalb war mir auch der zweite Tunnel zu heikel. Denn ich war allein und niemand würde mich vermissen,  falls der Tunnel zugeschüttet werden würde.

Also schlug ich mein Lager in sicherer Steinschlagentfernung auf und genoss während dem Sonnenuntergang eine Portion Couscous mit Tomatensauce.

Guter Canyon (keine großen Steine im Weg)
Guter Canyon (keine großen Steine im Weg)

Tag 13: Oil Tunnels NC – Midreshet Ben Gurion (27km)

Am Anfang des Tages ging es auf der Ölstrasse weiter, einem breiten Feldweg, der schnurgerade durch die Wüste gezogen wurde, um die Wartung einer Pipeline sicherzustellen, die dann doch nicht gebaut wurde. Der INT verläuft immer mal wieder für kurze Abschnitte darauf, was recht langweilig aber trotzdem anstrengend ist, da es immer auf und ab geht – wie in einer Achterbahn. Bald darauf jedoch ging es durch das Flusstal des Nahal (hebräisch für alles Flussähnliche was fliesst oder jemals geflossen ist, evtl auch später mal wieder fliessen wird) Akev, das zur Ein (Quelle) Akev führte. Dort gibt es ein Becken, das tief genug ist, um darin zu schwimmen und das Wasser ist herrlich kalt. Die perfekte Abkühlung zur Mittagszeit. Da es Sabbat war, dauerte es nicht lange, bis der ganze Platz mit Wochenendausflüglern bevölkert war – Grund für mich weiterzuziehen. Gegen Ende des Tages offenbarte dann noch ein Berg namens Hod Akev einen der schönsten Ausblicke der ganzen Tour, einen Adler und einen spannenden, ausgesetzten Abstieg – meiner Meinung nach der heikelste auf dem Teil des INT den ich begangen habe.

In Midreshet Ben Gurion machte ich mich dann auf die Suche nach dem Haus des Trail Angels, den ich angerufen hatte. Davor wurde ich noch von einer Passantin, die ich nach dem Weg fragte nach Hause eingeladen und bekam einige gefüllte Pitas. Meine eigentlichen Gastgeber waren zwei Doktoranten an der Universität in Midreshet Ben Gurion, einem ausgelagerten Institut der Universität in Be’er Sheva. Er beschäftigte sich mit der Fernerkundung von Korallenriffen mittels Sattelitenaufnahmen und sie promovierte über die Auswirkungen von bereits benutztem Wasser auf Böden – beides Gebiete die der Geologie nicht fern sind.

Ibex auf dem Weg zu Ein Akev
Ibex auf dem Weg zu Ein Akev
Ausblick von Hod Akev
Ausblick von Hod Akev

Tag 14: Midreshet Ben Gurion – Mador NC (21km)

Da ich gestern am Sabbat angekommen war, hatte der Supermarkt natürlich nicht offen, weshalb mein Einkauf zwangsweise auf heute verschoben wurde. Da der Laden aber erst um 08:00 aufmachte, durfte ich ausnahmsweise mal lange schlafen.

Nachdem ich dann 40 Euro für das Essen der nächsten 5 Tage ausgegeben hatte, machte ich mich auf den Weg zurück zum Trail – Midreshet Ben Gurion ist ca. 4km vom INT entfernt. Nach dem ich 10km zurückgelegt hatte, traf ich erneut auf die grosse Gruppe, die mit mir in Eilat gestartet war. Da wir für heute das selbe Ziel hatte, schloss ich mich ihr für den Rest des Weges an und unterhielt mich die meiste Zeit mit Michael, einem Briten, der unter anderem den Appalachian Trail gewandert war.

Im Lager konnte ich dann mal wieder ein Essen abgreifen und da ich noch den ein oder anderen vom letzten Mal kannte, wurde es ein geselliger Abend. Ein Gespräch des Abends blieb besonders hängen, es war mit einem Juden, der studiert hatte um Rhabbi zu werden, mittlerweile aber vom Glauben abgekommen war. Er beschrieb sein Gottesgefühl als eine starke Euphorie, eine innere Zufriedenheit, die er jetzt aber nicht mehr beim Beten spürte. Das Interessante daran ist die Parallele, die ich bei mir zum Wandern ziehen kann: Manchmal, wenn ich abends auf meiner Isomatte sass, überkam mich ein Gefühl starker Euphorie, ich fing an zu grinsen und konnte ein bis zwei Minuten nicht damit aufhören. Ich habe auf der Wanderung nicht Gott gefunden, das war nicht meine Motivation. Aber ich habe vielleicht etwas gefunden, das für mich das Leben lebendig macht.

Alternative Wegmarkierung
Alternative Wegmarkierung

Tag 15: Mador NC – Ein Yorkeam NC (24km)

Am heutigen Tag brach ich noch vor Sonnenaufgang auf, da es laut Führer der härteste Tag des gesamten INT werden sollte.

Sonnenaufgang über der Feuersteinwüste
Sonnenaufgang über der Feuersteinwüste

The day has arrived! This is going to be the most difficult day of the trail and it is also the most beautiful […].
– Jacob Saar

Ausserdem wollte ich vor der Gruppe sein, da diese am Berg recht langsam sein würde. Der Anfang des Aufstiegs zum Mount Karbolet erwies sich als ein Haufen Eisen im Fels und als sehr steil, allerdings kaum ausgesetzt und war schneller vorbei als ich dachte. Danach ging es auf normalen Bergpfaden aufwärts und die Gratwanderung war einigermassen anstrengend, da man die ganze Zeit am Hang querte. Gegen zwei Uhr nachmittags hatte ich die „schwerste“ Etappe hinter mich gebracht. Ich glaube Israelis sind Berge nicht so gewöhnt wie wir, die mit den Alpen verwöhnt sind. Anders kann ich mir das „most difficult“ nicht erklären.

Was für mich nun folgen würde:

The time has arrived! This is going to be the most strenous part and the heaviest backpack of the trail, but also the most gorgeous landscape is waiting for you.
– Me talking to myself

Extrem unangenehm war die Unterführung der Bahngleise nach dem Abstieg. Ein ca. 50m langer Tunnel, in dem man nur gebückt gehen kann und ab der Hälfte nichts mehr sieht ist wirklich beengend und auch etwas unheimlich.

Unterführung
Unterführung

Bei einem Kraftwerk gab es dann einen kleinen Picknickbereich mit Tischen und fliessend Wasser. Ein sehr surrealer Ort für eine Pause, den direkt daneben war die Industrieanlage mit ihren Türmen. Ich füllte mehr als 13 Liter Wasser auf, da ich die nächsten 3 Tage keine Möglichkeit zum Auffüllen bekommen würde und machte mich wieder auf den Weg um die letzten 6,5 Kilometer des Tages zu bewältigen. Das heisst: wieder 250 Höhenmeter hoch auf einen Ausläufer des Karbolet, nur um sie direkt wieder abzusteigen. Das war vermutlich das Gefährlichste, was ich auf dem ganzen Trail gemacht habe. Das Profil meiner Sohlen war schon ziemlich abgelaufen und mit einem über 20 Kilo schweren Rucksack in extrem steilem schuttigem Gelände gegen Ende eines anstrengenden Tages abzusteigen, liess meinen Adrenalinspiegel nochmal ordentlich steigen. Ich bin etliche Male fast ausgerutscht, habe es dann aber ohne Sturz nach unten geschafft. Durchatmen und den letzten Kilometer zum Nachtlager gehen. Dort traf ich auf 3 Israelis mittleren Alters, die einen 3-Tagesausflug machten und wurde wieder zum Essen eingeladen. Eigentlich wollte ich mal mein eigenes Essen verspeisen, damit der Rucksack leichter wird, aber wer kann bei Fleisch und frischem Gemüse schon widerstehen. Zum Dessert opferte ich dann eine meiner streng rationierten Schokoladentafeln für alle, woraus aber nichts wurde, da sie nach einem kurzen Augenblick der Unaufmerksamkeit dem Hund der Israelis zum Opfer fiel. Nachdem die drei dann erfahren hatten, dass ich auf dem Weg kein Wasser vergraben hatte und jetzt sehr viel aufgefüllt hatte, wollten sie natürlich alle mal den Rucksack heben. Von da an hatte ich meine Spitznamen, die deutlich einfacher waren als Thorsten (damit tun sich die meisten nicht-Deutschen schwer): Spiitz (keine Ahnung was es genau bedeutet, aber es ist ein positive Bezeichnung für einen Menschen) oder Shimshon (Samson), dem starken Mann mit den langen Haaren aus der Bibel.

Makhtesh Gadol von Mt. Karbolet aus photographiert
Makhtesh Gadol von Mt. Karbolet aus photographiert
Schrägstehende Kalkschichten am Kraterrand
Schrägstehende Kalkschichten am Kraterrand

Tag 16: Ein Yorkeam NC – Makhtesh Quatan NC (24km)

Morgens gibts gleich nach kurzer Zeit einige mit Leitern versehene Passagen. Lieber leitern als Schutt, da hat man wenigstens was zum festhalten. Ich passierte Israels höchsten Wasserfall und stieg nach der Mittagspause in den Makhtesch Quatan (zu deutsch: kleiner Krater) ab. Na gut. Steil, mal Schutt, mal Leitern. Immerhin hab ich schon etwas Wasser getrunken. Der kleine Krater ist wirklich toll, er ist wie der Makhtesh Ramon entstanden (siehe Tag 10) und durch Vulkanismus und Aschen, sowie Oxidation gibts eine Menge bunter Sandsteine und Aschelagen. Etwas abseits des Weges – aufgrund eines Lesefehlers meinerseits – stosse ich auf etliche Kuhkadaver, der Gestank ist bestialisch, obwohl nicht mehr viel dran ist. Warum die da wohl liegen? Durch den sogenannten „Satan’s mouth“, einer Lücke in derKraterwand gehts zum Nachtlager, wo ich mal wieder eine Schulklasse treffe. Manchmal frägt man sich, wozu man so viel Wasser mitschleppt…

Bunter Sandstein
Bunter Sandstein
Kadaver etwas ab vom Weg
Kadaver etwas ab vom Weg
Ein Wadi im Makhtesh Katan
Ein Wadi im Makhtesh Katan
Blick auf den devil's mouth (die Lücke im Kraterrand)
Blick auf den devil’s mouth (die Lücke im Kraterrand)

Tag 17:  Makhtesh Quatan NC – Be’er Efe (28km)

Nach einer sehr windigen und kalten Nacht fällt das Aufstehen morgens schwer. Hilft nix, morgens sind die Temperaturen am Angenehmsten zum Wandern. Nach einem ziemlich ereignislosen Tag, abgesehen von einem Gipfelkaffe mit 3 Israelis erreiche ich das Be’er Efe NC, womit vermutlich die Ebene Fläche direkt neben der Hauptstrasse gemeint ist. 500 Meter zurück gabs eine schöne Stelle in einem Wadi (etwas höher gelegen, damit ich nicht von einer Flut überrascht werde), wohin ich zurückgehe.

int2-landscape

int2-schild

int2-pause

Tag 18: Be’er Efe – Arad (23km)

Die Nacht war noch viel kälter als die letzte und ich wachte morgens um 4 frierend im Schlafsack auf. Die Temperaturen lagen vermutlich knapp über dem Gefrierpunkt. Zum Sonnenuntergang war es noch eine Stunde und auch der heisse Tee brachte keine wirklich Erwärmung. Ich packte mein Zeug mit klammen Fingern ein und machte mich möglichst schnell auf den Weg. Als die Sonne dann endlich herauskroch war ich dann sehr froh, obwohl ich mich schon in Bewegung befand.Vormittags fingt das Gelände an, langsam grüner zu werden und ich traf die ersten Schafherden und heruntergekommene Bretterbuden, in denen, vereinfacht gesagt, sesshafte Beduinen leben. Gegen Mittag war ich 7 km vor Arad und konnte das Tote Meer von einem Gipfel aus sehen. Der Ausblick ist toll. Beim Abstieg vom Gipfel fuhr einer meiner Trekkingstöcke unter voller Belastung ein und ich stürzte, wobei ich mir einen spitzen Stein in die rechte Handinnenseite rammte und das Knie aufschürfte. Sonst war aber zum Glück nichts passiert. Kurz darauf traf ich noch Dany Gaspar, der gerade eine Gruppe führte. Eine weitere Berühmtheit auf dem Trail. Jetzt fehlt nur noch dieser Yagil Henkin und ich hab sie alle getroffen, die vorne auf meinem Führer stehen. Nach einem Aufstieg über ein Wadi war ich auch schon in Arad und ging erstmal Essen und Socken kaufen (ich hatte schon zwei meiner drei Paar Socken durchgelaufen). Danach ging ich zu dem Haus eines Trail Angels, der zwar nicht zuhause war, mir aber trotzdem erlaubte sein Haus zu benützen – das nenn ich offen!

Blick aufs tote Meer in der Ferne
Blick aufs tote Meer in der Ferne

Tag 19: Ruhetag in Arad

Eigentlich wollte ich ans Tote Meer fahren aber ich war einerseits so geschafft und andererseits hatte ich einen Haufen offener Stellen an Händen und Füssen, sodass ich eh nicht hätte baden können. Dehalb blieb ich „zuhause“ und las ein Buch über die Mythologie nordamerikanischer Indianer.

Tag 20: Arad – Forester’s House (32km)

Nachdem die Wüste gut überstanden war und der eine Tag Regenerationspause sehr gut getan hatte, wollte ich morgens um 04:30 aufstehen und damit einen langen Tag beginnen. Gute Vorsätze hin oder her, nach dem Läuten des Weckers gönnte ich mir doch noch eine Stunde Schlaf, sodass ich dann gegen 06:00 in den leergefegten Straßen Arad’s startete. Nach den ersten 10km des Tages erreichte ich schon die archäologische Stätte Tel Arad, die Ruine einer Zitadelle aus der Zeit 600 v. Chr.

Tel Arad

Tel Arad

Nach einer kurzen Pause ging es weiter. Die Gegend war nun schon ziemlich grün, überall traf man auf Schafherden mit den von Wanderern geliebten Hirtenhunden. Arad ist so ziemlich die Schwelle zur Wüste. Südlich davon gibt es kaum Vegetation und nördlich davon betreibt man Ackerbau. Nach weiteren 5km führte der Weg mitten durch ein Araberdorf, wo ich sofort auf einen Tee eingeladen wurde. Die Teestube war eine ca 15qm grosse Wellblechbaracke, in deren Mitte eine Feuerschale stand, auf der die Teekanne köchelte. Drum herum gab es einige Teppiche und Kissen zum Liegen. Nachdem der erste Tee getrunken war, wurde ich von Masad in sein Haus zum Essen eingeladen und bekam Einiges aufgetischt. Seine Frau und eine seiner 5 Töchter (er hatte 9 Kinder) hatten frisches Fladenbrot gebacken und das wurde warm mit Hummus, einer Art Kartoffeleintopf, Oliven und eingelegten Paprika serviert. Unsere  Kommunikation war etwas eingeschränkt, da er nur sehr wenig englisch sprach und sich mein Arabisch auf „Hallo“ und „Danke“ beschränkt. Trotzdem machte er mir verständlich (You german, you brother! You israeli you no brother!), dass ich aufgrund meiner Herkunft seine Gastfreundschaft geniessen durfte. Der Konflikt zwischen Arabern und Juden ist eben doch immer präsent, was zu so radikalen Aussagen führt. Auf der anderen Seite haben viele Israelis Angst, in der Wüste ausgeraubt zu werden und Gebiete in denen Araber wohnen, sind grundsätzlich gefährlich – Vorurteile, die ich auch nicht bestätigt fand. Zum Abschied schenkte ich Masad noch ein paar Schmerztabletten für seine Tochter, die Ohrenschmerzen hatte und wurde noch eine Packung Bonbons an die Kleinsten des Dorfes los.

Masad, mein Gastgeber

Masad, mein Gastgeber

Kamele neben dem Weg

Kamele neben dem Weg

500 Höhenmeter und 2 Stunden später stellte ich dann fest, dass ich meine Fleecejacke verloren hatte. Ich fand sie aber wieder, nachdem ich zwei Kilometer zurück gelaufen war. Der Weg verlief mittlerweile durch ein schönes waldiges Gebiet – eine Wohltat nach all der Wüste, in der es kaum Schatten gab. Gegen Abend erreichte ich das Forester’s House, in dem es einen Raum mit Betten für Wanderer gab. Bei meiner Ankunft wurde ich aber direkt mal wieder von einer Gruppe israelischer Wanderer zum Abendessen eingeladen und bekam sogar ein Glas Bier. Das erste, seit ich aus Deutschland abgeflogen war…mmmh!

Sonnenuntergang vom forester's house

Sonnenuntergang vom forester’s house

Tag 21: Forester’s House – Wald nahe Kibbutz Dvira

Ziemlich ereignisloser Tag. Gegen Abend war ich dann im Teva Forest, wo ich mein Nachtlager aufschlug. Das ganze Gebiet nördlich von Arad wurde aus Privatspenden wiederaufgeforstet. Als Dank dafür werden Gedenktafeln aufgestellt. So kann es einem schon mal passieren, dass man durch den Wald von Teva oder Intel läuft.

int3-pause

runde Wolken, runde Büsche

runde Wolken, runde Büsche

Tag 22: Wald nahe Kibbutz Dvira – Eukalyptushain vor Lakish

Nach den ersten zehn Kilometern, kurz nach 10 merkte ich schon, dass es heute heiss werden würde. Die Tankstelle an der Hauptstrasse, an der ich gerade angekommen war verkaufte Cola – eine gute Gelegenheit für die erste Pause. Danach sollte man durch eine Unterführung die Strassenseite wechseln, allerdings sah diese sehr matschig und überschwemmt aus, sodass ich erst einmal schaute ob ich die Strasse anders überqueren könnte. Diese war allerdings sehr stark befahren (vergleichbar mit deutscher Autobahn), sodass ich doch lieber die Matschroute nehmen wollte. Ich zog meine Schuhe aus und nach den ersten 2 Metern stand ich dann aber schon wadentief im Schlamm, ohne dass ich bereits im überfluteten Bereich war. Also doch über die vierspurige Strasse laufen. Zum Glück fand ich 500 Meter weiter einen Bereich, wo die Straße in der in der Mitte eine Grasinsel hatte, was das Überqueren möglich machte.

Danach machte der Weg einen ziemlich unlogischen und frustrierenden Bogen, wodurch man eine Strecke von 3km auf 10km ausdehnte, die hauptsächlich an Feldern entlang führte. Immerhin bekam ich so eine Schildkröte zu sehen. An diesem Tag war es wieder sehr heiss (mehr als 30°) und ich vermute, ich habe nicht genug getrunken. Denn ab Kilometer 19 war ich schwach und bei 23 bin ich komplett eingebrochen und hab mich einfach im nächstbesten Schatten auf den Boden gelegt. Es war das einzige Mal auf dem INT, dass ich mich so fühlte. Ich war einfach unglaublich erschlagen und hatte keinen Bock mehr, dachte über’s Aufhören nach. Als ich mich dann irgendwann wieder gefangen hatte, quälte ich mich weiter und mit sinkenden Temperaturen und besserer Hydration war es dann einigermassen in Ordnung. Trotzdem war ich ziemlich am Ende, als ich dann mein Lager in einem Euukalyptushain neben einem Feldweg aufschlug. Da ich mich nahe der Grenze zum Westjordanland befand, waren überall Hubschrauber und nachdem ich zweimal in einem seltsamen Halbkreismanöver direkt überflogen wurde war mir klar, dass sie mich gesehen hatten. Zehn Minuten später tauchte dann auch schon der Jeep von der Polizei auf und hielt zehn Meter von mir entfernt. Niemand stieg aus und kurze Zeit später fuhren sie wieder weiter. Offenbar sah ich mit meiner neongelben Therm-A-Rest und dem roten Schlafsack nicht aus wie jemand, der illegal über die Grenze will oder Waffen schmuggelt.

Kornfeld

Kornfeld

Eukalyptushain in der Ferne

Eukalyptushain in der Ferne

Tag 23: Eukalyptushain vor Lakish – ‚The cave‘ in Srigrim Li-On

Morgens war die Welt dann wieder in Ordnung und als ich einige Kilometer später Wasser aufgefüllt hatte und im Dorfladen Cola und Snickers im Angebot (3 Stück für 2€) gekauft hatte, waren die Aussichten wieder rosig. Mal wieder führte der Weg an der Grenze zum Westjordanland (viele Zäune) vorbei und diesmal sah ich einen Jeep auf der anderen Seite der Grenze stehen und winkte nach drüben. Da mir das Motiv gefiel schoss ich ein Foto und zückte danach noch die Karte, da der Weg komisch verlief und ich nicht wusste wo es weitergeht. Als nächstes fuhren 2 weitere Jeeps auf der anderen Seite der Grenze vor und als ich ein weiteres Mal aufschaute, sah ich 15 Menschen über die Grenze (30 Meter entfernt) in meine Richtung rennen. Ich hatte keine Ahnung was das auf sich hatte, packte meine Karte und rannte mehr oder weniger panisch in den Wald. Ich sah noch wie 3 Autos auf israelischer Seite vorfuhren, die Palästinenser hineinsprangen und die Autos wieder abfuhren. Das Ganze hatte weniger als eine Minute gedauert und ich traute mich langsam wieder aus dem Wald heraus, den Schrecken immernoch in den Gliedern. Aus meiner Nachfrage später ergab sich, dass die Palästinenser nur illegal zum Arbeiten kommen und somit für mich keine Gefahr bestand. Komisch war die Situatuion trotzdem. Am Abend nutzte ich mal wieder einen Trailangel, in diesem Fall zwei Kerle um die 20, die eine Höhle in Srigrim Li-On hergerichtet hatten, in der ich schlafen konnte. Nachdem ich schon zu Abend gegessen hatte, brachten sie mir noch selbstgemachte Zitronenlimonade und Fisch mit Reis, der mein Frühstück werden sollte.

Der Jeep an der Grenze - Ruhe vor dem Sturm

Der Jeep an der Grenze – Ruhe vor dem Sturm

Tag 24: ‚The cave‘ in Srigrim Li-On – Kibbutz Tzova

Morgens stellte ich durch ein immer lauter werdendes Brummen fest, dass sich ein Bienenschwarm in der Höhle befand und schmiss daraufhin alles so schnell wie möglich in den Rucksack, um möglichst schnell rauszukommen. Es war noch nicht mal Sonnenaufgang und trotzdem war die Luft so warm, dass ein T-Shirt vollkommen ausreichte. Also mal wieder ein heisser Tag. Um den Fehler von gestern zu vermeiden, füllte ich gleich 4,5 Liter Wasser auf und machte mich auf den Weg. Gegen mittag traf ich mal wieder auf die große Gruppe die ich am 1. Tag getroffen hatte und holte mir noch einen weitern halben Liter Wasser, da ich schon 3 Liter getrunken hatte. Nachdem ich noch 20 Minuten mit der Gruppe gegangen war und mich mit einem Bekannten unterhalten hatte, verabschiedete ich mich, da ich noch ein gutes Stück vor mir hatte. Insgesamt sollten es heute 40km werden, ich wollte zum Kibbutz Tzova. Ungefähr 7km vor Etappenende hielt ich meine Füße noch in ein Becken, um mir eine Abkühlung zu verschaffen, was sich als großer Fehler herausstellen sollte. Fünf Minuten nachdem ich weitergegangen war, merkte ich, dass ich wunde Stellen an den Fersen und am Fußballen hatte. Da ich bisher noch keine Probleme mit Blasen oder wunden Füßen gehabt hatte, musste es wohl am Wasser oder etwas das darin war, gelegen haben. Einen Kilometer danach, die Füße wurden immer schlimmer, traf ich auf Israelis, die ihr Auto am Ende des Wanderwegs abgestellt hatten und mir anboten mich bis nach Tzova mitzunehmen. Das nahm ich  in dieser Situation sehr dankbar an. Eigentlich wollte ich ja alles zu Fuß gehen und hatte deshalb auch auf den langweiligen Etappen direkt neben der Strasse vermieden den Bus zu nehmen, aber da ich mehr humpelte als ging, machte ich hier eine Ausnahme.

int3-höhle

Tag 25: Ruhetag im Kibbutz Tzova

Ein entspannter Tag, an dem ich Teil 2 des Reiseberichts schrieb und meine Füße heilen liess.

Tag 26: Kibbutz Tzova – Kibbutz Sha’alvim

Morgens war ich noch eine halbe Stunde mit 3 israelischen Mädels unterwegs, die in der letzten Nacht auch in der Unterkunft geschlafen hatten. Danach ging’s alleine weiter und nach einem recht ereignislosen Tag kam ich gegen 15:30 bei der Familie (trail angels) an, die ich zuvor angerufen hatte. Da heute Freitag war und sie den Sabbat einhalten, wurde ich gebeten vor 5 Uhr abends aufzutauchen. Am Abend bekam ich dann mit, wie es am Sabbat so läuft mit Gebeten, Gesang und rituellem Wein – eine kulturell sehr interessante Erfahrung und leckeres Essen!

Blumen auf den grünen Hügeln bei Jerusalem

Blumen auf den grünen Hügeln bei Jerusalem

Tag 27: Kibbutz Sha’alvim –  Moshav Mazor

Anscheinend hatte es mich am Vormittag im Ben Shemen Wald in das Mountainbike-Mekka Israels verschlagen, denn so viele Geländeradfahrer hatte ich noch nie auf dem Haufen gesehen. Lag vermutlich daran, dass es Wochenende war. Aber am Parkplatz zu diesem Naherholungsgebiet gab es sogar einen Stand von einer Fahrradwerkstatt, falls den Sportlern zwischendurch etwas kaputt gehen sollte. Die Zeichen der Zivilisation machten sich langsam bemerkbar! Am Abend gelangte ich noch über einen Schleichweg in das Moshav Mazor (ich fand den Haupteingang nicht, da ich von einer anderen Seite kam). Dabei ging ich mal wieder an einer Truthahn Massentierhaltung vorbei – bestialischer Gestank und die Tiere dort schreien non-stop. Im Moshav wollte ich erneut bei einer Familie schlafen und kam genau zur richtigen Zeit – das Grillfleisch und der Fisch waren gerade fertig und ich durfte erneut israelische Gastfreundschaft erleben. Am Abend wollte mir noch ein Freund der Familie mit seinem tomcar zeigen wie ich am nächsten Morgen einfacher zum Weg zurückfinde. Das Ganze wurde dann aber zu einer halbstündigen Spritztour, bei der ich erlebte was diese Dinger eigentlich so abkönnen. Man nehme eine Strecke, mehr Schlagloch als Straße  und fahre mit 40km drüber. Einzelne Schlaglöcher mit 60? Kein Problem! Auch über hüfthohe Felsen klettert der kleine Racer wie eine Bergziege. Lustiges Erlebnis ab dem Punkt, an dem ich mich entspannen konnte, weil ich wusste was das Teil alles kann.

Alter Tempel

Alter Tempel

int3-strom

int3-weg

Tag 28: Moshav Mazor – Tel Aviv

Der letzte Tag sollte noch einmal alles bieten, was mir bisher auf der Reise noch nicht passiert war. Morgens als ich aufstand, regenete es in Stömen, weshalb ich noch ein bisschen wartete und erst um 7 Uhr startete. Den ganzen Tag über gab es Regenschauer, also hatte es sich doch noch gelohnt die Regenjacke einzupacken. Der Weg verlief fast den ganzen Tag neben einem kleinen Bach, ab und zu konnte man reife Grapefruit von den Bäumen neben der Strecke ernten. Die Orangen waren leider noch sehr sauer. Als ich den Bach an einem Zufluss furten musste, habe ich ihn zuerst an der falschen Stelle überquert, musste wieder zurück und an eine andere Stelle. Dabei erhöhte sich mein Furt-zähler dieser Reise auf 3. So ganz mit trockenen Füßen funktionierte das aber nicht und auch der Schnürsenkel riss mir noch. Zum Glück hatte ich noch etwas Schnur übrig. Die letzten 10 Kilometer meiner Wanderung gingen noch durch einen großen Stadtpark, der einmal quer durch den Norden Tel Avivs verläuft. An einem kleinen See machte ich meine letzte Pause, trank meinen letzten Kaffee, unterhielt mich mit dem letzten Israeli der mich wegen dem Trail ansprach und beendete meine Wanderung auf dem Israel National Trail bei Sonnenschein.Yofi, Sababa, Tov, wie auch immer man in Israel gut/toll sagen mag!

int3-hügel

Bank im neuen Industriegebiet

Bank im neuen Industriegebiet

int3-ich

Advertisements

2 Antworten zu “Reisebericht

  1. Super; sehr gut beschrieben.
    Ich plane über Ostern den Weg zu laufen, allerdings von Eilat nach Jerusalem

  2. Sehr schöner Bericht. Da werden Erinnerungen wach. Und in der Cave habe ich auch übernachtet. Gewöhnungsbedürftig, oder besser nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s