La Maroma – Spanien – Teil 1

Prolog

Nach einer halben Ewigkeit konnte ich Ende Mai 2013 endlich wieder zu einer kleinen Tour starten. Der Anlass dafür war ein Besuch von Verwandten im sonnigen Andalusien. Um also dem Familienchaos zu entgehen und mich nach den zahllosen Essen wieder in Form zu bringen, entschloss ich mich gemeinsam mit meinem Bruder eine Wanderroute zu finden, welche sich in einiger Nähe zum Hof unserer Großeltern befinden sollte. Der befindet sich ungefähr 20 Autominuten von Velez-Málaga entfernt in Richtung Hinterland und liegt dort in den Bergen. Wie es das Schicksal nunmal so will ist Andalusien nicht unbedingt dafür bekannt eine Vielzahl an Wanderrouten zu besitzen. Anders als in Deutschland, wo das Wandern auch in der Kultur verankert ist, besteht in Spanien, oder zumindest in Andalusien, kein so großes Interesse daran die eigene Natur zu erkunden. Dabei gibt es doch einiges zu sehen!

Vorbereitung

Ich mache mich also daran eine Route zu finden. Das Medium der Wahl ist natürlich das Internet. Nach langer Zeit finde ich ein paar wenige, unübersichtliche Seiten – allerdings nur auf Spanisch. Glücklicherweise ist mein Spanisch mittlerweile besser als noch vor 2 Jahren und so kann ich die Texte nicht nur verstehen, sondern noch dazu mir neues Vokabular aneignen. Das Ergebnis der Suche ist eher ernüchternd. Bis auf 3 Routen sind keine weiteren in der Nähe und alle 3 führen auf den selben Berg auf dem mein Bruder erst 2 Wochen zuvor 2 der Routen gegangen war. Ich bin etwas enttäuscht, will ich meinem Bruder doch eigentlich etwas Neues bieten. Letzten Endes haben wir aber keine Wahl:

Wenn der Berg nicht zum Philosophen will…

Es sollte also das Bollwerk von einem Berg sein dessen Anblick mich schon Zeit meines Lebens begleitet hat und den ich dennoch nie wirklich besucht habe. Dieser Berg überragt alle Anderen um sich herum und ist vom Hof meiner Großeltern aus in seiner Mächtigkeit nicht zu übersehen. Klammheimlich freue ich mich doch dort hin zu gehen, unabhängig davon dass es für meinen Bruder vielleicht etwas langweiliger werden könnte.

La Maroma

Nachdem wir den kalten Proviant eingpackt und uns verabschiedet haben, lassen wir uns von unserer Mutter zum Startpunkt in Canillas de Aceituno bringen, einem kleinen Bergdorf das sich mit seinen weißen Bauten und kleinen, verschlungenen Straßen an die Flanken des großen Berges schmiegt. Vorbei an Cafés mit Sonnenschirmen und den darunter sitzenden einheimischen Männern die ein kühles Bierchen trinken, zieht es meinen Bruder und mich sogleich bergaufwärts, obgleich sich mein innerer Schweinehund gerne dazu gesetzt hätte. Es ist früher Nachmittag und der Aufstieg soll von den 650 Höhenmetern auf denen wir uns befinden in etwa 6 Stunden dauern.

Der Philosoph auf dem Berg

Als wir die Route finden, lässt uns ein Blick nach oben erahnen was uns erwartet. La Maroma kann sich was die Steigung anbetrifft durchaus mit gleich hohen Bergen aus den Alpen messen. Den Pfad umsäumen wohlduftende Pinien, Kiefern, wilder Oregano und allerlei Gestrüpp dass sich mit seinen Wurzeln in die trockene Erde frisst und dem Boden den letzten Tropfen Wasser entzieht. Die hoch stehende Sonne brennt unerbittlich in den Nacken und wir sind froh unsere Sonnenbrillen mitgenommen zu haben. Alle 100 Höhenmeter erlauben wir uns ein Innehalten, trinken das ekelhaft verchlorte Wasser aus der Leitung und staunen über das Panorama das sich uns bietet. Man erkennt recht schnell dass es keinen Berg in der Nähe gibt der La Maroma in der Höhe übertrifft. Trotzdem sind wir noch weit vom Gipfel entfernt.

Wo der Weg beginnt...

Nach etwa 2 Stunden erreichen ein Wäldchen und finden dort eine Frischwasserquelle. Der Ort erscheint unglaublich, surreal und irgendwie mystisch. Der ganze Berg ist von Trockenheit geprägt und nur die stärksten Pflanzen überleben die gleißende Sonne und den Wassermangel. Hier jedoch, auf einer Fläche von nichtmal einem Hektar, sprießt das Leben! Die Bäume sind nicht verknorrt sondern hoch und kraftvoll und das Blätterdach wirft alles darunter in Schatten. Der Boden ist bedeckt von dicken Moosen die in einem saftig dunklen Grün strahlen und Vögel teilen sich das Habitat mit Abertausenden von Insekten in der stillen Übereinkunft, dass sie hier bleiben dürfen wenn sich die Herren der Lüfte dafür an ihnen laben können. Inmitten diesen Wunders gönnen wir uns eine Pause und essen eine Kleinigkeit. Die Flaschen trinken wir leer um sie mit köstlich-kaltem Quellwasser zu füllen. Gerne würde ich noch ein wenig länger verweilen aber die Sklaverei der Zeit peitscht uns wieder weiter. Leider vergesse ich noch ein Foto zu machen.

Wir verlassen die Oase. Schritt für Schritt geht es weiter nach oben. Wir kämpfen gegen die Hitze, das lose Geröll und uns selbst. Mein Bruder und Ich wissen aber, dass der schlimmste Teil erst noch kommen wird. Das Biotop ist nur noch eine Erinnerung. Trotzdem sehen wir noch Bäume. Die sind allerdings kohleschwarz und stehen mitunter 50 Meter voneinander entfernt. Wir mutmaßen was dazu geführt haben mochte und kommen zu 2 verschiedenen Theorien. Mein Bruder geht von einem Brand aus, ich hingegen vermute dass die ewiglich herunterbrennende Sonne dafür verantwortlich ist. Da es aber erst Mai ist und die heiße Saison erst noch bevorsteht, müssten die Bäume allerdings schon seit letztem Jahr von der Sonne verbrannt sein. Brandspuren eines Feuers konnten wir aber auch nicht entdecken. Die Bäume waren schlicht schwarz und tot. Wir beschließen nicht weiter darüber nachzudenken.

Je weiter wir nach oben steigen desto monotoner wird die Landschaft. Nicht einmal tote Bäume gibt es mehr. Nur noch das zähste Gestrüpp greift in den Stein und kratzt beim vorbeigehen meine Beine auf, da ich nur eine kurze Hose trage. Die Orientierung gestaltet sich als immer schwieriger. Die Markierungen die zuvor ganz passabel waren, dafür dass in Spanien wenig gewandert wird, werden durch Sprühdosenmarkierungen ersetzt. Ausgerechnet in hellgrün. In einer Umgebung die von sämtlichen grautönen dominiert wird, und unter die sich von der Sonne gebleichte Gräser und Sträucher mischen, ist hellgrün nicht unbedingt die beste Wahl. So kommen wir das eine oder andere Mal vom Weg ab der in der Monotonie verläuft. Häufig sind wir uns nicht sicher ob wir einem Pfad verwildeter Hausziegen oder dem richtigen folgen. In dieser Höhe können wir viele Ziegen beobachten. Und das erste Mal können wir den Gipfel sehen.

davidbergzeit2

Wir kommen zurück zum Weg und gehen weiter. Mittlerweile sind etwa 4einhalb Stunden vergangen. Das Wetter hat uns noch keine Überraschungen bereitet. Wieder kommen wir an eine Quelle, von der Diversität der vorigen ist aber nicht so viel zu sehen da wir die Baumgrenze bereits überschritten haben. Ausserdem ist die Quelle deutlich kleiner. Wir füllen unsere Wasservorräte wieder auf und rasten wieder. In den kleinen Tümpeln die sich unter der Quelle gebildet haben entdecken wir Kaulquappen und Blutegel. Von Letzteren halten wir uns fern, denn keiner von uns hat Lust auf einen spontanen Aderlass. Die Route führt  dann weiter durch einen vom Schmelzwasser geschnittenen Flußlauf. In den Wintermonaten ist der Gipfel von La Maroma durchgehend von Schnee bedeckt.

Wir gelangen zu einem ebeneren Teil des Berges und befinden uns in einer Steinwüste. Wir verlieren die Wegmarkierungen endgültig, und obwohl wir einen Teil des Weges zurückgehen werden wir nicht fündig. Dabei ist der Gipfel schon zum greifen nah! Wir diskutieren wie wir weitermachen und beschließen es Querfeldein zu versuchen. Das ist auf Bergen grundsätzlich nicht zu empfehlen aber wir wissen dass der Abend nicht lange auf sich warten lassen wird, und im Dunkeln wollen wir keinesfalls noch irgendwo herumirren, sondern im Schlafsack liegen. Wir kämpfen uns, teilweise mit den Armen rudernd um das Gleichgewicht zu halten, die Geröllhalden hinauf und halten den Gipfel stets im Blick. Das Gelände flacht sich langsam ab und in 200 Metern Entfernung kann man einen 4 Meter hohen Basilisken erkennen der den Gipfel markiert. Ich gehe an kreisrund gezogenen Mauern aus aufgeschichtetem Geröll vorbei. Hier haben wohl schon ein paar Leute biwakiert. Jetzt aber, wo die Sonne sich schon langsam dem Horizont nähert, ist niemand außer uns hier. Nur ein paar Dohlen ziehen in der Nähe ihre Kreise und lassen sich vom Wind der am Berg bricht höher in die Lüfte tragen.

In Richtung Süden können wir das Mittelmeer und einige Städte wie zum Beispiel Velez Málaga sehen. Málaga selbst können wir nicht entdecken, denn im Westen verhindert der Dunst weite Sicht. Im Norden blicken wir auf das Hinterland mit seinen Tälern und im Osten fällt das Bergmassiv so langsam ab, dass man bestimmt noch 3 Stunden gehen kann und dann vielleicht 100 Höhenmeter abgestiegen ist. Wir bleiben nicht lange. Das Verlangen einen Platz für unser Zelt zu finden und den Tag abzuschließen ist groß. Die Zeltplatzsuche könnte sich mit viel Pech als nicht gerade einfach herausstellen. Gegeben dem Umstand dass wir auf den letzten 1400 Höhenmetern nicht einen einzigen Platz gesehen haben der für ein Zelt tauglich gewesen wäre ist in der Hinsicht auch nicht ermutigend. Biwakieren war für uns nur die Not-Alternative, wenn wir sonst wirklich nichts finden sollten.

Gipfel panorama

Der stark wehende Wind drängt uns weiterzugehen und wir entschließen uns es in Richtung Norden zu versuchen. Dort gibt es einen Weg der irgendwann in dem Dorf Alcaucín enden soll. Diesen war mein Bruder 2 Wochen zuvor schon heraufgestiegen. Nach ein paar gescheiterten Versuchen einen Lagerplatz auszumachen, finden wir hinter einem Hügel die vermutlich einzigen 6 Quadratmeter Rasen auf dem ganzen Berg. Überall liegt Ziegenmist und wir entfernen ein paar kleine Steine bis wir schließlich das Überzelt aufbauen können. Auf das Innenzelt haben wir aus Gewichtsgründen verzichtet. Mit Steinen sorgen wir dafür dass der Wind nicht durch die Spalten, die das Zelt übrig ließ, pfeifen kann.

Nachdem alles vorbereitet ist, stürzen wir uns förmlich auf unser Abendessen. Dann lassen uns aber Glockenschläge aufhorchen. Eine Schafsherde, es mochten sicher an die 100 Schafe sein, trottet nicht weit von uns in Richtung des letzten Lichts des Tages. Wir können aber keinen Hirten sehen. Ohnehin wäre der Abstieg jetzt nicht mehr zu bewerkstelligen, denn dafür war es längst zu spät. Wir wundern uns über das Vertrauen des Schäfers dass er wohl schon keine Tiere verlieren wird wenn er nicht auf sie aufpasst. Langsam verschwinden die Schafe und mit ihnen des Glockengeläut. Sie sind irgendwo entlang wo es keine Wege gibt, und wir fragen uns, wäre es möglich am nächsten Tag dort abzusteigen wo es womöglich jetzt die Schafe tun? Die Beantwortung darauf verschieben wir auf morgen. Nachdem wir uns erst einmal satt gegessen hatten beobachten wir noch wie die Sonne im Westen vom Horizont verschluckt wird und sich der Mond im Osten erhebt. Die eisige Kälte treibt uns in die Schlafsäcke…

Wie die Nacht und der Abstieg danach verläuft erfahrt ihr im nächsten Teil.
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