Reisebericht INT (Teil 2: Wüste)

In diesem Teil des Reiseberichts geht es um die letzten 150 der 400km durch die Negev Wüste. Für die vorherigen 250km von Eilat am roten Meer bis Mitzpe Ramon, siehe hier: INT: Eilat – Mitzpe Ramon

Tag 11: Ruhetag in Mitzpe Ramon

Tag 12: Mitzpe Ramon – Oil tunnels NC (31km)

Die ersten 12km des Tages waren entlang des Kraterrandes und abgesehen von einer Untersuchung meiner Kamera (ich hatte Fotos vom Krater in der Nähe einer „geheimen Station“ gemacht), auch recht ereignislos. Danach ging’s in den Hava Canyon und zwar abwärts. Normalerweise sind die Canyons einigermassen gut zu begehen, aber dieser war voll von teils mannshohen rundgeschliffenen Felsblöcken. Mit den frisch zugeladenen 8L Wasser machte das Abklettern nicht wirklich Spass. Nach dem Canyon liess ich das Hava NC hinter mir, das wohl eines der schlechtesten auf dem ganzen Trail sein soll, wie man mir sagte. Ich ging weiter bis zu den leerstehenden Öltunneln, in denen man schlafen kann. Der erste Tunnel roch nach…wer hätte das gedacht…Öl. Generell war das Nachtlager dort wegen Steinschlag geschlossen worden und deshalb war mir auch der zweite Tunnel zu heikel. Denn ich war allein und niemand würde mich vermissen,  falls der Tunnel zugeschüttet werden würde.

Also schlug ich mein Lager in sicherer Steinschlagentfernung auf und genoss während dem Sonnenuntergang eine Portion Couscous mit Tomatensauce.

Guter Canyon (keine großen Steine im Weg)

Guter Canyon (keine großen Steine im Weg)

Tag 13: Oil Tunnels NC – Midreshet Ben Gurion (27km)

Am Anfang des Tages ging es auf der Ölstrasse weiter, einem breiten Feldweg, der schnurgerade durch die Wüste gezogen wurde, um die Wartung einer Pipeline sicherzustellen, die dann doch nicht gebaut wurde. Der INT verläuft immer mal wieder für kurze Abschnitte darauf, was recht langweilig aber trotzdem anstrengend ist, da es immer auf und ab geht – wie in einer Achterbahn. Bald darauf jedoch ging es durch das Flusstal des Nahal (hebräisch für alles Flussähnliche was fliesst oder jemals geflossen ist, evtl auch später mal wieder fliessen wird) Akev, das zur Ein (Quelle) Akev führte. Dort gibt es ein Becken, das tief genug ist, um darin zu schwimmen und das Wasser ist herrlich kalt. Die perfekte Abkühlung zur Mittagszeit. Da es Sabbat war, dauerte es nicht lange, bis der ganze Platz mit Wochenendausflüglern bevölkert war – Grund für mich weiterzuziehen. Gegen Ende des Tages offenbarte dann noch ein Berg namens Hod Akev einen der schönsten Ausblicke der ganzen Tour, einen Adler und einen spannenden, ausgesetzten Abstieg – meiner Meinung nach der heikelste auf dem Teil des INT den ich begangen habe.

In Midreshet Ben Gurion machte ich mich dann auf die Suche nach dem Haus des Trail Angels, den ich angerufen hatte. Davor wurde ich noch von einer Passantin, die ich nach dem Weg fragte nach Hause eingeladen und bekam einige gefüllte Pitas. Meine eigentlichen Gastgeber waren zwei Doktoranten an der Universität in Midreshet Ben Gurion, einem ausgelagerten Institut der Universität in Be’er Sheva. Er beschäftigte sich mit der Fernerkundung von Korallenriffen mittels Sattelitenaufnahmen und sie promovierte über die Auswirkungen von bereits benutztem Wasser auf Böden – beides Gebiete die der Geologie nicht fern sind.

Ibex auf dem Weg zu Ein Akev

Ibex auf dem Weg zu Ein Akev

Ausblick von Hod Akev

Ausblick von Hod Akev

Tag 14: Midreshet Ben Gurion – Mador NC (21km)

Da ich gestern am Sabbat angekommen war, hatte der Supermarkt natürlich nicht offen, weshalb mein Einkauf zwangsweise auf heute verschoben wurde. Da der Laden aber erst um 08:00 aufmachte, durfte ich ausnahmsweise mal lange schlafen.

Nachdem ich dann 40 Euro für das Essen der nächsten 5 Tage ausgegeben hatte, machte ich mich auf den Weg zurück zum Trail – Midreshet Ben Gurion ist ca. 4km vom INT entfernt. Nach dem ich 10km zurückgelegt hatte, traf ich erneut auf die grosse Gruppe, die mit mir in Eilat gestartet war. Da wir für heute das selbe Ziel hatte, schloss ich mich ihr für den Rest des Weges an und unterhielt mich die meiste Zeit mit Michael, einem Briten, der unter anderem den Appalachian Trail gewandert war.

Im Lager konnte ich dann mal wieder ein Essen abgreifen und da ich noch den ein oder anderen vom letzten Mal kannte, wurde es ein geselliger Abend. Ein Gespräch des Abends blieb besonders hängen, es war mit einem Juden, der studiert hatte um Rhabbi zu werden, mittlerweile aber vom Glauben abgekommen war. Er beschrieb sein Gottesgefühl als eine starke Euphorie, eine innere Zufriedenheit, die er jetzt aber nicht mehr beim Beten spürte. Das Interessante daran ist die Parallele, die ich bei mir zum Wandern ziehen kann: Manchmal, wenn ich abends auf meiner Isomatte sass, überkam mich ein Gefühl starker Euphorie, ich fing an zu grinsen und konnte ein bis zwei Minuten nicht damit aufhören. Ich habe auf der Wanderung nicht Gott gefunden, das war nicht meine Motivation. Aber ich habe vielleicht etwas gefunden, das für mich das Leben lebendig macht.

Alternative Wegmarkierung

Alternative Wegmarkierung

Tag 15: Mador NC – Ein Yorkeam NC (24km)

Am heutigen Tag brach ich noch vor Sonnenaufgang auf, da es laut Führer der härteste Tag des gesamten INT werden sollte.

Sonnenaufgang über der Feuersteinwüste

Sonnenaufgang über der Feuersteinwüste

The day has arrived! This is going to be the most difficult day of the trail and it is also the most beautiful […].
– Jacob Saar

Ausserdem wollte ich vor der Gruppe sein, da diese am Berg recht langsam sein würde. Der Anfang des Aufstiegs zum Mount Karbolet erwies sich als ein Haufen Eisen im Fels und als sehr steil, allerdings kaum ausgesetzt und war schneller vorbei als ich dachte. Danach ging es auf normalen Bergpfaden aufwärts und die Gratwanderung war einigermassen anstrengend, da man die ganze Zeit am Hang querte. Gegen zwei Uhr nachmittags hatte ich die „schwerste“ Etappe hinter mich gebracht. Ich glaube Israelis sind Berge nicht so gewöhnt wie wir, die mit den Alpen verwöhnt sind. Anders kann ich mir das „most difficult“ nicht erklären.

Was für mich nun folgen würde:

The time has arrived! This is going to be the most strenous part and the heaviest backpack of the trail, but also the most gorgeous landscape is waiting for you.
– Me talking to myself

Extrem unangenehm war die Unterführung der Bahngleise nach dem Abstieg. Ein ca. 50m langer Tunnel, in dem man nur gebückt gehen kann und ab der Hälfte nichts mehr sieht ist wirklich beengend und auch etwas unheimlich.

Unterführung

Unterführung

Bei einem Kraftwerk gab es dann einen kleinen Picknickbereich mit Tischen und fliessend Wasser. Ein sehr surrealer Ort für eine Pause, den direkt daneben war die Industrieanlage mit ihren Türmen. Ich füllte mehr als 13 Liter Wasser auf, da ich die nächsten 3 Tage keine Möglichkeit zum Auffüllen bekommen würde und machte mich wieder auf den Weg um die letzten 6,5 Kilometer des Tages zu bewältigen. Das heisst: wieder 250 Höhenmeter hoch auf einen Ausläufer des Karbolet, nur um sie direkt wieder abzusteigen. Das war vermutlich das Gefährlichste, was ich auf dem ganzen Trail gemacht habe. Das Profil meiner Sohlen war schon ziemlich abgelaufen und mit einem über 20 Kilo schweren Rucksack in extrem steilem schuttigem Gelände gegen Ende eines anstrengenden Tages abzusteigen, liess meinen Adrenalinspiegel nochmal ordentlich steigen. Ich bin etliche Male fast ausgerutscht, habe es dann aber ohne Sturz nach unten geschafft. Durchatmen und den letzten Kilometer zum Nachtlager gehen. Dort traf ich auf 3 Israelis mittleren Alters, die einen 3-Tagesausflug machten und wurde wieder zum Essen eingeladen. Eigentlich wollte ich mal mein eigenes Essen verspeisen, damit der Rucksack leichter wird, aber wer kann bei Fleisch und frischem Gemüse schon widerstehen. Zum Dessert opferte ich dann eine meiner streng rationierten Schokoladentafeln für alle, woraus aber nichts wurde, da sie nach einem kurzen Augenblick der Unaufmerksamkeit dem Hund der Israelis zum Opfer fiel. Nachdem die drei dann erfahren hatten, dass ich auf dem Weg kein Wasser vergraben hatte und jetzt sehr viel aufgefüllt hatte, wollten sie natürlich alle mal den Rucksack heben. Von da an hatte ich meine Spitznamen, die deutlich einfacher waren als Thorsten (damit tun sich die meisten nicht-Deutschen schwer): Spiitz (keine Ahnung was es genau bedeutet, aber es ist ein positive Bezeichnung für einen Menschen) oder Shimshon (Samson), dem starken Mann mit den langen Haaren aus der Bibel.

Makhtesh Gadol von Mt. Karbolet aus photographiert

Makhtesh Gadol von Mt. Karbolet aus photographiert

Schrägstehende Kalkschichten am Kraterrand

Schrägstehende Kalkschichten am Kraterrand

Tag 16: Ein Yorkeam NC – Makhtesh Quatan NC (24km)

Morgens gibts gleich nach kurzer Zeit einige mit Leitern versehene Passagen. Lieber leitern als Schutt, da hat man wenigstens was zum festhalten. Ich passierte Israels höchsten Wasserfall und stieg nach der Mittagspause in den Makhtesch Quatan (zu deutsch: kleiner Krater) ab. Na gut. Steil, mal Schutt, mal Leitern. Immerhin hab ich schon etwas Wasser getrunken. Der kleine Krater ist wirklich toll, er ist wie der Makhtesh Ramon entstanden (siehe Tag 10) und durch Vulkanismus und Aschen, sowie Oxidation gibts eine Menge bunter Sandsteine und Aschelagen. Etwas abseits des Weges – aufgrund eines Lesefehlers meinerseits – stosse ich auf etliche Kuhkadaver, der Gestank ist bestialisch, obwohl nicht mehr viel dran ist. Warum die da wohl liegen? Durch den sogenannten „Satan’s mouth“, einer Lücke in derKraterwand gehts zum Nachtlager, wo ich mal wieder eine Schulklasse treffe. Manchmal frägt man sich, wozu man so viel Wasser mitschleppt…

Bunter Sandstein

Bunter Sandstein

Kadaver etwas ab vom Weg

Kadaver etwas ab vom Weg

Ein Wadi im Makhtesh Katan

Ein Wadi im Makhtesh Katan

Blick auf den devil's mouth (die Lücke im Kraterrand)

Blick auf den devil’s mouth (die Lücke im Kraterrand)

Tag 17:  Makhtesh Quatan NC – Be’er Efe (28km)

Nach einer sehr windigen und kalten Nacht fällt das Aufstehen morgens schwer. Hilft nix, morgens sind die Temperaturen am Angenehmsten zum Wandern. Nach einem ziemlich ereignislosen Tag, abgesehen von einem Gipfelkaffe mit 3 Israelis erreiche ich das Be’er Efe NC, womit vermutlich die Ebene Fläche direkt neben der Hauptstrasse gemeint ist. 500 Meter zurück gabs eine schöne Stelle in einem Wadi (etwas höher gelegen, damit ich nicht von einer Flut überrascht werde), wohin ich zurückgehe.

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Tag 18: Be’er Efe – Arad (23km)

Die Nacht war noch viel kälter als die letzte und ich wachte morgens um 4 frierend im Schlafsack auf. Die Temperaturen lagen vermutlich knapp über dem Gefrierpunkt. Zum Sonnenuntergang war es noch eine Stunde und auch der heisse Tee brachte keine wirklich Erwärmung. Ich packte mein Zeug mit klammen Fingern ein und machte mich möglichst schnell auf den Weg. Als die Sonne dann endlich herauskroch war ich dann sehr froh, obwohl ich mich schon in Bewegung befand.Vormittags fingt das Gelände an, langsam grüner zu werden und ich traf die ersten Schafherden und heruntergekommene Bretterbuden, in denen, vereinfacht gesagt, sesshafte Beduinen leben. Gegen Mittag war ich 7 km vor Arad und konnte das Tote Meer von einem Gipfel aus sehen. Der Ausblick ist toll. Beim Abstieg vom Gipfel fuhr einer meiner Trekkingstöcke unter voller Belastung ein und ich stürzte, wobei ich mir einen spitzen Stein in die rechte Handinnenseite rammte und das Knie aufschürfte. Sonst war aber zum Glück nichts passiert. Kurz darauf traf ich noch Dany Gaspar, der gerade eine Gruppe führte. Eine weitere Berühmtheit auf dem Trail. Jetzt fehlt nur noch dieser Yagil Henkin und ich hab sie alle getroffen, die vorne auf meinem Führer stehen. Nach einem Aufstieg über ein Wadi war ich auch schon in Arad und ging erstmal Essen und Socken kaufen (ich hatte schon zwei meiner drei Paar Socken durchgelaufen). Danach ging ich zu dem Haus eines Trail Angels, der zwar nicht zuhause war, mir aber trotzdem erlaubte sein Haus zu benützen – das nenn ich offen!

Blick aufs tote Meer in der Ferne

Blick aufs tote Meer in der Ferne

Tag 19: Ruhetag in Arad

Eigentlich wollte ich ans Tote Meer fahren aber ich war einerseits so geschafft und andererseits hatte ich einen Haufen offener Stellen an Händen und Füssen, sodass ich eh nicht hätte baden können. Dehalb blieb ich zuhause und las ein Buch über die Mythologie nordamerikanischer Indianer.

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2 Antworten zu “Reisebericht INT (Teil 2: Wüste)

  1. „…und einen spannenden, ausgesetzten Abstieg – meiner Meinung nach der heikelste auf dem Teil des INT den ich begangen habe.“
    Du weißt ja welche Höhenangst ich hab, wie hätte der Satz in meinen Worten gelautet? Das würd mich interessieren 😉

    • Vermutlich: „Da geh ich nicht runter!“ 😉
      Wärst aber nicht der einzige gewesen – beim Aufstieg sind mir eine Gruppe Tagesausflügler entgegen gekommen, die wollten da auch nicht absteigen und sind umgedreht.

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